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Review

Am Opernhaus Zürich singen Piotr Beczała und Marina Rebeka erstmals Verdis Trovatore!

"... So läuft ihm [P. Beczala] Marina Rebeka als Leonora eindeutig den Rang ab. Phänomenal, welche Bögen sie spannt, wie sie mühe- und schwerelos von intensiven Brust- in warme höchste Töne wandert, Verzierungen einbaut, Töne wachsen und zurückgehen lässt..."

Zwei wichtige Rollendebüts zum Antritt des neuen GMD: Am Opernhaus Zürich singen Piotr Beczała und Marina Rebeka erstmals Verdis Trovatore: Während die eine brilliert, kommen die Qualitäten des anderen nicht perfekt zur Geltung.

OPER! (Dezember 2021), Seite 30/31

Von Tobias Gerosa

 

Ein Maul mit riesigen, blutigen Zähnen als Vorhang, Dämonen mit Klauen an den Füßen, die plötzlich aus Luken springen, und kreischende Fantasiegestalten, die das tödliche Verhängnis hämisch begrinsen: Am Opernhaus Zürich macht Adele Thomas Verdis Il trovatore zur Geisterbahnfahrt. Das geht erstaunlich gut auf, hat man sich an die seltsame, fantasyartige Ästhetik gewöhnt, in der Ferrando die Füße
eines Greifs trägt und die Soldaten aussehen, als hätte Playmobil eine MonthyPython-Serie produziert. Nicht auf Realismus zu setzen, ist bei
dieser Oper sicher eine gute Grundsatzentscheidung. Die Ausstatterin Annemarie Woods platziert die Geschichte zunächst in einen bühnengroßen Bilderrahmen, der ganz von einer breiten Treppe ausgefüllt ist. Auf ihr spielt alles – ob Burg, Kloster oder Hinrichtungsstätte –, und oft ist hier viel in Bewegung, wenn auch weniger bei den Protagonisten.

Die Regisseurin Adele Thomas fügt dem Personal fünf Tänzer hinzu, die sie im Programm als dämonische Kreaturen aus der Hölle bezeichnet. Ab der Eröffnungsszene bewirken sie eine einerseits komische, andererseits aber auch bedrohliche Stimmung. Sie bedrängen die Soldaten, als wären sie die bösen Ideen, die Ferrando (Robert Pomakov mit metallisch hellem Bass) hier in die Welt setzt und die sie nun
nicht mehr verlassen – natürlich zum Schaden der Figuren.

Logisch nachvollziehen kann man das nicht, aber die starken Emotionen macht es innerhalb der Fiktion nachvollziehbar.
Und die immer wieder durchscheinende Ironie sorgt für angenehme Auflockerung: So verstehen etwa die Soldaten nicht, warum Luna nicht endlich mit ihnen loszieht, sondern immer wieder zu einer neuen Strophe ansetzt. Die Ambosse des Zigeuner-Chors (in den Übertiteln konsequent in Anführungszeichen) werden nur so halb auf die Bühne gerollt, als wären sie verschämte Zitate. Lebendig wird die Inszenierung durch die Führung der Figuren auch im Chor (der in Zürich erstmals seit der Pandemie wieder maskenlos auf der Bühne agiert). Da sind viele comicartig überzeichnete Details zu entdecken, weil es immer darum geht, eine Geschichte durch den Text und die
Musik zu erzählen. Trovatore und Komödie, das geht eigentlich wirklich nicht, aber Thomas gelingt dieser Spagat mit ihrer Geisterbahn-Chiffre, die an den Kinderbuchklassiker Wo die wilden Kerle wohnen erinnert. Interessanterweise profitiert der von Janko Kastelic
einstudierte Chor dabei offensichtlich auch musikalisch. Gerade die Männer profilieren sich rhythmisch knackig und präsent wie selten.

Dazu tragen Gianandrea Noseda und die Philharmonia Zürich viel bei. Der neue GMD wählt rasche bis sehr rasche Tempi, setzt Akzente möglichst scharf und findet so manche Gegenstimme, gerade in den tiefen Streichern. Dieser Trovatore bekommt so viel Feuer und die plakative Regie den nötigen starken Widerstand. Die Sänger führt Noseda straff, geht aber mit den Rubati mit und ermöglicht ihnen immer
wieder schöne unerwartete Verzierungen. Mehr als in anderen Opern geht es im Trovatore um die Stimmen. Thomas verlangt den Protagonisten szenisch nicht sehr viel ab und beschränkt sich auf eine genaue, meist ruhige Führung, die ohne die Rahmung durch die Nebenfiguren auch langweilig wirken könnte, wäre da nicht so viel Bühnenpräsenz.

Quinn Kelsey als Luna wirkt in seinem schweinchenrosa Kostüm zwar wenig vorteilhaft, das Bild, wie er zu Beginn des dritten Teils wie ein begossener Pudel Minuten vor seinem Auftritt neben den kampfeslustigen Soldaten steht, spricht aber Bände über die Figur. Wenn er dann
zu singen ansetzt, leise, wie Kelsey es oft tut, und mit schönem Legato (aber auch oft mit belegter Stimme), ist man sofort
ganz bei ihm. Da agiert Agnieszka Rehlis als seine eigentliche Gegenfigur Azucena: die „Zigeunerin“, deren Rachewunsch alles überlagert. Wie sie singend erzählen kann, ihre Register zwar bruchlos verbindet, die Bruststimme aber auch effektiv und gezielt einsetzt, ohne das Sängerische zu verlassen, wie sie Intensität erzeugt, ist großartig und packend.

Und dann gibt es da eben noch die beiden prominenten Rollendebütanten: Piotr Beczała wagt sich mit dem Manrico weiter auf dramatischeres Gebiet vor – ob das sinnvoll ist? Am schönsten klingt sein Tenor noch immer im Lyrischen, als Manrico setzt er statt Silberstift nun aber auf Power. Nicht, dass er die nicht aufbieten könnte, doch gerade in den Finali und auch in den Duetten mit Azucena wird die Anstrengung hörbar. Das allermeiste bleibt dann auch laut. Beczała klingt noch immer betörend schön, wenn er nicht forciert,
wenn er sich zurücknimmt. Im „Ah si, ben mio“, wo das möglich wäre, verwechselt er bei der Premiere aber leider zunächst den Text der beiden Strophen. Auch wenn er sofort wieder richtig einbiegt, in die Ruhe kommt er danach nicht mehr. „Di quella pira“ dann: Mit schönem Aplomb, aber der Schlenker übers hohe C am Schluss der Strophe (er singt nur eine) misslingt, was der lange, hohe Schlusston auf „All‘armi!“ dann nur zum Teil vergessen machen kann. Was Beczałas sängerische Qualität ausmacht – die Farbe, die leichte und doch
volle, elegante Höhe – kommt hier bei aller Musikalität nicht so recht zur Geltung.

So läuft ihm Marina Rebeka als Leonora eindeutig den Rang ab. Phänomenal, welche Bögen sie spannt, wie sie mühe- und schwerelos von intensiven Brust- in warme höchste Töne wandert, Verzierungen einbaut, Töne wachsen und zurückgehen lässt. Dazu hat jede Phrase Ausdruck, singt Rebeka nicht Arien, sondern gestaltet (vor allem, wenn sie auf der Bühne mit jemandem wie mit ihrer Dienerin Ines, gesungen von Bożena Bujnicka, interagieren kann) eine Rolle, mit der man mitfühlt. Das ist Verdi-Gesang, wie man ihn selten hören
kann. Rebeka macht einen schon sehr guten Opernabend zu einem außergewöhnlichen.

Verdi: Il trovatore
Premiere am 24. Oktober 2021 (auch besuchte Vorstellung)
Mskl. Leitung: Gianandrea Noseda, Inszenierung: Adele Thomas,
Ausstattung: Annemarie Woods, Lichtgestaltung: Franck Evin,
Choreinstudierung: Janko Kastelic, Choreografie: Emma Woods,
Kampfchoreografie: Jonathan Holby, Dramaturgie: Beate
Breidenbach
Quinn Kelsey (Il Conte di Luna), Marina Rebeka (Leonora), Agnieszka
Rehlis (Azucena), Piotr Beczała (Manrico), Robert Pomakov
(Ferrando), Bożena Bujnicka (Ines), Omer Kobiljak (Ruiz), Jeremy
Bowes (Un vecchio zingaro), Andrei Skliarenko (Un messo)