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Interview

DAS OPERNGLAS – INTERVIEW: Vielfältige Herausforderungen

„Als Sänger nicht zu reisen, ist wie immer dieselbe Rolle zu singen.“

Vielfältige Herausforderungen

 

Februar 1, 2021
Dr. Thomas Baltensweiler

 

Die lettische Sopranistin Marina Rebeka hat aus der Corona-Krise die Idee zu einem neuen Album entwickelt. Im Gespräch mit unserem Mitarbeiter Dr. Thomas Baltensweiler sieht der Opernstar den Wendungen des Lebens geerdet entgegen.  

Sie haben ein neues Album unter dem Titel „Credo“ eingespielt. Es enthält laut Werbetext geistliche Musik, die seit Jahrhunderten Trost spendet. Haben wir Trost nötig?  

Wir brauchen immer Trost, das beginnt mit der Geburt. Heute ist Trost aber besonders wichtig, in einer Zeit, da viele zu Hause sitzen und nicht wissen, was der nächste Tag bringen wird, ob sie noch einen Arbeitsplatz haben werden. Die Menschen können vielerorts ja nicht einmal in eine Kirche gehen!  

Dann ist die CD also ein Resultat der Corona-Krise?  

Ja, wir haben sie im August aufgenommen. Musik hat immer eine erhebende Wirkung auf Körper und Seele, sie begleitet einen durch das ganze Leben und darüber hinaus; als Kind und Jugendlicher hört man Musik, bei der Hochzeit wird Musik ebenso gespielt wie bei der Beerdigung. Die Sinfonietta Riga rief mich in der ersten Corona-Pause an und fragte, ob wir nicht ein Streaming-Programm auf die Beine stellen könnten. Ich habe daraufhin vorgeschlagen, gleich ein Album aufzunehmen.  

Was enthält das Programm der CD?  

Ich konzentriere mich darin ganz auf spirituelle Aspekte; es gibt nur vier Opernarien, je eine von Purcell, Händel, Verdi und Mascagni. Händels „Ombra mai fu“ mag zwar vom Text her nicht passen, aber ich bin nicht so leicht zu bändigen und wollte möglichst verschiedene Stile und Komponisten aufnehmen. Das Spektrum umfasst – neben den Genannten – auch Bach, Saint-Saëns oder Fauré und bietet gewissermaßen ein spirituelles Potpourri.  

Soll das Album auch ein neues, verstärktes Interesse von Ihnen am Konzertbereich signalisieren?  

Grundsätzlich habe ich Interesse an Oper und Konzert. Ich habe in diesem Jahr einige Recitals gegeben. Konzerte unterscheiden sich atmosphärisch von der Oper. In dieser schlüpft man in eine Rolle und wird damit zu einer anderen Person. Bei einem Konzert dagegen ist man man selbst. Für die Auswahl der Stücke stand allerdings nicht das Genre „Lied“ im Vordergrund, sondern sie war in erster Linie thematisch bestimmt.  

Und wie ist es Ihnen persönlich seit unserem Interview vor zwei Jahren ergangen?  

Das Leben ist immer intensiv. Ich habe in Bordeaux mein Rollendebüt als Anna Bolena gegeben. 2019 war ein wichtiges Jahr für mich, mit der Rückkehr zu den Salzburger Festspielen in »Simon Boccanegra«. Aber auch das Corona-Jahr brachte wichtige Auftritte. So habe ich die Violetta in »La Traviata« bei der Wiedereröffnung des Teatro Real in Madrid nach der ersten Welle der Pandemie gesungen, in Florenz als Desdemona debütiert und daneben Recitals gegeben. Auch sind in den letzten zwei Jahren einige Aufnahmen entstanden, darunter das Solo-Album „Spirito“, eine komplette »Traviata« sowie »Il Pirata«. Das Debüt vor Publikum als »Pirata«-Imogene musste allerdings verschoben werden, aber es wird im Juni 2021 im Konzerthaus Dortmund nachgeholt werden.  

Sie vermuteten seinerzeit, Norma könnte eine Ihrer neuen Paraderollen werden.  

Das ist tatsächlich passiert. Ich denke, dass dafür die »Traviata« an der Scala im Herbst meine letzte Auseinandersetzung mit dieser Partie gewesen sein wird. Sie liegt mir zwar immer noch gut in der Stimme, doch wenn ich sie nicht aufgebe, dann habe ich keinen Raum für neue Herausforderungen. Das Gleiche habe ich auch 2016 mit der Donna Anna in »Don Giovanni« gemacht. Ich habe alle künftigen Auftritte darin abgesagt, auch wenn das vielen Opernhäusern einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Ich wollte sie einfach nicht mehr singen. Man kann hören, dass sich meine Stimme verändert hat. Ich habe keine Probleme mit Norma und Anna Bolena, dem dramatischen Belcanto also, und möchte auch mehr Verdi singen. Mein Debüt als Leonora in »Il Trovatore« ist demnächst für Paris geplant.  

So viele neue Herausforderungen! Sie sind, wenn ich mich recht erinnere, eine rasche Lernerin. Hat das darauf, wie Sie Ihre Karriere planen, einen Einfluss?  

Ich würde sagen, dass ich mir die Musik rasch aneigne. Thaïs habe ich in fünf Tagen gelernt, aber die Rolle war in mir psychologisch schon angelegt. Am schwierigsten empfinde ich Barock, da enthalten die Partien sieben oder acht Arien, und man muss sich jeweils daran erinnern, was in jeder das Hauptthema und was die Repetitionen sind. Ich kenne meine Pläne lange im Voraus und warte nicht mit dem Lernen bis zum letzten Moment. Eine Rolle entwickelt sich in mir über Jahre, bevor ich damit auf die Bühne gehe, und wenn es soweit ist, will ich sie wirklich besitzen. Von daher bin ich zugleich eine schnelle wie eine langsame Lernerin.  

Aber mit Ihrem musikalischen Gedächtnis wären Sie prädestiniert, eine Lanze für Raritäten zu brechen. »Il Pirata« ist eine solche, »Anna Bolena« ist es zumindest halb. Könnten Sie sich mehr Auftritte in selten gespielten Werken vorstellen?  

»Thaïs« ist wunderbar und wird in Monte Carlo wie Fotos: Rosenberg, Magliocca, Vlasova, Lorenzo / Ponce der kommen. Es ist schade, dass so viele Stücke nicht aufgeführt werden, weil sie schwer zu besetzen sind. Spontinis »La Vestale« ist ein Werk, das kürzlich am Theater an der Wien zu sehen war; dafür habe ich konkrete Pläne, ebenfalls für Donizettis »Lucrezia Borgia«. Die nach Anna Bolena und Maria Stuarda dritte Donizetti-Königin, Elisabetta in »Roberto Devereux«, muss dagegen nach wie vor noch etwas warten. Manche meinen, Belcanto sei langweilig. Das stimmt nur, wenn er nicht richtig gesungen wird. Die Norma etwa braucht ein inneres Feuer! Pläne existieren zudem für »I due Foscari« von Verdi. Auch seine »Vespri siciliani« oder eine Oper von Pacini würden mich reizen. Die Titelrolle in »Rusalka« ist ebenfalls auf meiner Wunschliste – aber das ist keine Rarität.  

Abgesehen von der Tatjana in »Eugen Onegin« findet sich derzeit keine russische Partie in ihrem Kalender der letzten Jahre.  

Iolanta von Tschaikowsky würde ich sehr gern singen. Aber sonst sehe ich gegenwärtig kaum Aufgaben für mich. Sicher, die »Zarenbraut« oder »Schneeflöckchen« von Rimsky-Korsakow kämen theoretisch in Betracht. Doch in Russland gibt es spezifische Rimsky-Korsakow-Stimmen, die sind glockenklar und leicht. Mein Sopran dagegen steht irgendwo zwischen diesem Typus und der Lisa in Tschaikowskys »Pique Dame«. Für den schweren Tschaikowsky muss meine Stimme aber noch reifen. Und zudem habe ich viele andere Angebote.  

Sie haben vorher Recitals erwähnt. Könnte das Lied auch der Einstieg in deutsches Repertoire sein?  

Ich möchte in der Tat nicht mit Oper starten, sondern würde mich wohl zuerst an die Strauss-Lieder heranwagen. Auch Schubert und Mahler liebe ich. Das Problem ist, dass mich meine Operntätigkeit so in Anspruch nimmt, dass nach sechs Tagen Proben mental kein Platz mehr für anderes da ist. Mit Wagner würde ich sowieso nicht zu früh anfangen wollen, und nur mit dem richtigen Dirigenten. Ich denke, dass Wagner in Bayreuth, wo das Orchester zugedeckt ist, einfacher zu singen ist als in einem Haus wie der Met oder in München. Wagner braucht Stamina, aber auch eine hervorragende Projektionskraft. Die Stimme muss wie ein Laser sein, um über das Orchester zu kommen. Es ist wie beim Essen: Das Dessert kommt erst, wenn Suppe und Salat schon verzehrt sind.  

Auch Sie haben im Zeichen der Pandemie zahlreiche Absagen von Aufführungen hinnehmen müssen. Was bedeutet das für Sie – stimmlich, emotional, aber auch finanziell?  

Ich war insofern in einer relativ glücklichen Lage, als es nicht zu viele Aufführungen traf und manche verschoben wurden. Dafür konnte ich unerwartet sieben Mal die Violetta in Madrid singen und zusätzlich an der Scala auftreten. Am Anfang des Lockdowns im Frühling war ich sehr müde, ein Monat Pause erschien mir da nicht ungelegen zu kommen. Ich konnte mit meiner Tochter zusammen sein, Homeschooling betreiben, was für die Eltern eine Herausforderung bedeutet. Keine Auftritte zu haben, magden Geist befreit haben, erwies sich jedoch nach einer gewissen Zeit als hart. Ich begann dann, Rollen zu repetieren, weil ich nicht untätig sein wollte. Was das Finanzielle betrifft, so hat mir mein Lebensstil eine gewisse Gelassenheit gegeben. Ich kaufe keine superteuren Kleider, esse nicht ständig auswärts und verschulde mich nicht. Ich besitze mein Haus; Schulden bedienen zu müssen, wäre belastend gewesen.  

War die Corona-Pause eine Chance, die Stimme zu schonen und länger frisch zu erhalten, oder bedeutete es im Gegenteil eher ein Problem, stimmlich fit zu bleiben? 

Es war nicht einfach, wieder „in die Gänge“ zu kommen. Es gibt Kollegen, die haben auch in der Pause jeden Tag gesungen. Wir sind Athleten, benutzen Muskeln, und die müssen trainiert werden. Als ich im Mai ein kleines Konzert zum lettischen Unabhängigkeitstag gegeben habe, habe ich deutlich gespürt, dass ich pausiert hatte. Und ich erinnere mich, dass ich, als ich in Madrid war, fünf Kilo verloren habe. Singen ist eben eine körperliche Tätigkeit.  

Sänger haben bekanntlich Angst vor Erkältungen. Ist die Angst vor dem heimtückischen Virus noch größer?  

Ich hasse die Angst davor. Was man fürchtet, das trifft einen auch. Gewiss, man muss Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Aber Sänger können mit Maske nicht wirklich singen. Bei den Proben in Florenz waren wir gleichwohl gezwungen, das zu tun. Das Atmen wird durch die Maske erschwert, es fließt nicht genug Luft hindurch. Ich hatte die typischen blauen Masken, die man überall sieht. Mit anderen, hochwertigeren Masken, die ich mir gekauft habe, funktioniert das Atmen besser. Wir wurden jeden zweiten Tag getestet; insgesamt habe ich schon 15 Tests durch die Nase und zwölf mit einem Pieks in den Finger hinter mir. Wenn alle an einer Produktion Beteiligten getestet werden und sowieso alles geschlossen ist, dann ist Angst wirklich nicht nötig. Angst schwächt nur das Immunsystem.  

Ihre Karriere spielt sich an vielen renommierten Häusern ab. Manche international tätige Künstler gehen zumindest zu einem Haus eine engere Bindung ein. Bei Ihnen scheint dies nicht der Fall zu sein.  

Ich habe eine spezielle Beziehung zu Wien, dort fanden die meisten meiner Debüts statt, das Publikum liebt mich, ich liebe die Stadt, die Leute, den Kuchen. Aber ich kann nicht behaupten, die Staatsoper sei „mein“ Haus. Auch die Mailänder Scala und die Met in New York sind sehr bedeutsame Bühnen für mich. Es ist nun einmal wichtig, überall präsent zu sein; auch in Japan trete ich gern auf. Dort kommen sehr viele Menschen nach der Aufführung an den Bühneneingang und stehen für ein Autogramm an, und das ist berührend. Als Sänger nicht zu reisen, ist wie immer dieselbe Rolle zu singen.  

Sie lieben Wien, leben aber immer noch mit Ihrem Mann und Ihrer Tochter in Lettland. Wie hat sich das Verhältnis Karriere-Erziehung entwickelt?  

Meine Planung sieht so aus, dass ich nie mehr als anderthalb Monate von zu Hause fort bin; mein Ziel ist es sogar, mindestens eine Woche pro Monat zu Hause zu sein. Meine Mutter und eine Nanny kümmern sich ansonsten um meine Tochter. Sie hat Verständnis für meinen Beruf, sonst würde ich ihn nicht mehr ausüben. Manche Kollegen nehmen die Kinder mit auf Reisen, doch ich denke, dass Homeschooling nicht positiv für ein Kind ist, sondern Isolation bedeutet. Ein Kind – meine Tochter ist neun – soll in einer Klasse lernen.  

Sie haben Ihr eigenes Plattenlabel, „Prima“. Damit sind Sie auch so etwas wie eine Klassik-Managerin geworden. Macht Ihnen das Business Freude?  

Ich manage das Label nicht allein, auch mein Mann, der Toningenieur ist, und andere sind da beteiligt. Ich bin Perfektionistin, und unsere Absicht ist es, Aufnahmen in wirklich guter Qualität zu produzieren, wie sie nur ohne Zeitdruck möglich sind. Wir achten darauf, dass die Stimme das Wichtigste bleibt und nicht vom Orchester zugedeckt wird.  

Könnten Sie sich vorstellen, neben Ihrer sängeri schen Tätigkeit ähnlich wie Cecilia Bartoli auch in der Leitung eines Festivals oder Opernhauses tätig zu werden?  

Vielleicht! Das wäre aber etwas völlig Neues. Was ich mir sicher vorstellen kann, ist Lehrerin oder Jurorin zu sein. Ich werde übrigens demnächst einen Film in Lettland drehen. Das ist wieder so eine überraschende Wendung des Lebens!

 

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