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Review

NDR KULTUR – REVIEW – NORMA – STAATSOPER HAMBURG

Marina Rebeka vermittelte als erfahrene Norma-Interpretin authentisch die zwiespältigen Gefühle: die Rachegelüste der Verlassenen; der Wunsch, ihre Kinder und sich selbst zu töten. Kräftig leuchtend Rebekas Sopran, technisch souverän, dramatisch, lyrisch und sehr musikalisch.

Bellinis “Norma”: Gelungene Premiere in Hamburg

 

09.03.2020
Elisabeth Richter

 

“Wir befinden uns im Jahre 50 vor Christus. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt …”. Der legendäre Anfang aller Asterix-Hefte könnte auch für Vincenzo Bellinis berühmteste Oper “Norma” aus dem Jahr 1831 gelten. In dem Werk nach einem Drama von Louis Alexandre Soumet geht es um die gallisch-druidische Priesterin Norma, die ihr Keuschheitsgebot gebrochen hat. Sie hat zwei Kinder mit einem Römer. Die Gallier wollen sich von den römischen Besatzern befreien. Als Normas Geliebter sich von ihr abwendet, kommt es zum tödlichen Showdown. Jetzt hat an der Hamburgischen Staatsoper eine Neuproduktion der Oper Premiere gefeiert.  

Norma ist Geliebte, Mutter, Tochter, Priesterin, Kriegerin – die Lettin Marina Rebeka vermittelte als erfahrene Norma-Interpretin authentisch die zwiespältigen Gefühle: die Rachegelüste der Verlassenen; der Wunsch, ihre Kinder und sich selbst zu töten. Kräftig leuchtend Rebekas Sopran, technisch souverän, dramatisch, lyrisch und sehr musikalisch. Die Besetzung ist ein Glücksfall, einschließlich der Kroatin Diana Haller mit ihrem wunderbar runden Timbre als Adalgisa, Normas Freundin und Konkurrentin.  

Ein musikalisches Ereignis 

Allein wie anrührend und geschmackvoll, wie intensiv in den Piano-Schattierungen Marina Rebeka und Diana Haller die gemeinsamen Passagen von Norma und Adalgisa sangen, lohnte die Aufführung. Dabei überzeugte der sensibel begleitende Dirigent Matteo Beltrami am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters. Der argentinische Tenor Marcelo Puente empfahl sich als Römer Pollione mit warmen Stimmfarben in der Mittellage, die Höhen klangen ein wenig kehlig. Doch alles in allem ist diese Hamburger “Norma” musikalisch ein Ereignis.  

Es brodelt unter der Oberfläche. Norma lobt hymnisch die keusche Mondgöttin, aber in Yona Kims Inszenierung lassen die Priesterinnen gleichzeitig Klingen riesiger chin esischer Kochmesser in ihren Händen blitzen. Die unterdrückten Gallier wollen Krieg, aber Oberpriesterin Norma mahnt aus privaten Gründen zur Ruhe, sie liebt ja den Römer Pollione.  

Aus Wut, dass sich Pollione von ihr abwendet, gibt Norma schließlich doch das Zeichen zum Angriff. Am Ende gesteht sie öffentlich, ihr Keuschheitsgelübde gebrochen zu haben. Sie stirbt auf dem Scheiterhaufen. In letzter Sekunde bekennt sich Pollione zu ihr und stirbt mit ihr den Flammen- und Liebestod. Große, aber auch sehr destruktive Gefühle.  

Yona Kim holt die Geschichte in ein zeitloses Heute 

In der Mitte der karg-dunklen Bühne ein mobiler Baucontainer, der durch Hochfahren zu einem doppelstöckigen Quader wird und Normas Wohnung freigibt. Regisseurin Yona Kim und Bühnenbildner Christian Schmidt holen die antike Geschichte in ein zeitloses Heute, sie schaffen mit Grau-, Weiß- und Schwarz-Tönen einen nüchternen Kontrast zu Bellinis so farbiger Musik. Diese Ästhetik ist nicht gerade sinnlich, ermöglicht aber ein Fokussieren auf die musikalische Entfaltung der inneren psychischen Kämpfe der Personen. Das ist viel Wert und lässt auch etwas verschmerzen, dass die Geschichte nur nacherzählt wurde und keine Aussage vermittelte und dass vor allem die Bewegungsregie des Chores zu statisch war. Kaum beleuchtet wurde außerdem die Beziehung zwischen dem äußeren Krieg von Galliern und Römern und dem inneren Krieg des Beziehungsdramas.

 

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