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Review

Opera Lounge: Marina Rebeka und viel Rossini

Die lettische Sopranistin Marina Rebeka beweist, dass es bei Rossini auch 150 Jahre nach seinem Tod immer wieder Neues zu entdecken und zu hören gibt.

Das Rossini-Jahr 2018 wirft seine Schatten voraus. In Pesaro, der Geburtsstadt des Komponisten, begeht man bereits seit Anfang des vergangenen Jahres einen wahren Feiermarathon, denn zweihundert Jahre zuvor, am 20. Februar 1816 hatte Il barbiere di Siviglia seine Uraufführung erlebt und am 29. Februar, dem Schalttag des Jahres 2016, ließ sich dann der 53. „runde“ Geburtstag des „Schwans von Pesaro“ feiern. Am 13. November des kommenden Jahres steht sein 150. Todestag bevor.

Dass sich die sogenannte „Rossini-Renaissance“ noch lange nicht totgelaufen hat, liegt gewiss auch daran, dass es immer wieder Neues zu entdecken gibt, obwohl sich etliche seiner Opern – die komischen wie die ernsten – mittlerweile einen guten Platz im Repertoire der Opernhäuser zurückerobern konnten, nachdem sich Rossinis musikalisches Überleben gut einhundert Jahre lang bloß dem unverwüstlichen Barbier von Sevilla und einigen ohrwurmtauglichen Ouvertüren verdankte. Sicher sind nicht alle seiner 39 Bühnenwerke echte Meisterwerke, aber doch deutlich mehr als nur der Barbiere, die Italienerin in Algier oder La Cenerentola – das beweisen das italienische (in Pesaro) und das deutsche Rossini-Opernfestival (in Bad Wildbad im Schwarzwald) jeden Sommer erneut, und das ist auch den Spielplänen der internationalen Theater zu entnehmen. Und auf den Tonträgermarkt finden auch immer wieder starke Plädoyers dafür, dass Rossini und seine Musik weiterhin im Kommen sind.

Als jüngstes Beispiel hat etwa die lettische Sopranistin Maria Rebeka ein Album unter dem bezeichnenden Zitat-Titel „Amor fatale“ bei BR Klassik (900321) eingesungen, das sich mit den starken Frauengestalten in Rossinis Opern auseinandersetzt: In seinen tragischen Opern stehen (wie in seinen komischen) starke Frauen im Mittelpunkt. Sie sind es, die sich zwischen Liebe und Pflicht zu entscheiden haben, ihr persönliches Schicksal oftmals demjenigen von Familie, Volk oder Heimatland nachordnen. Der Entscheidung für ein größeres Ziel, einem allgemeinen Nutzen opfern sie ihre persönlichen Vorlieben und die Liebe… Vielleicht sind Rossini seine tragischen Heldinnen, ihre lebendigen Charaktere und die echten und nachvollziehbaren Konflikte deshalb besonders gut gelungen, weil er selbst ab 1815 eine starke Frau an seiner Seite hatte: die Primadonna Isabella Colbran, für die er viele der großen Sopranpartien seiner Opern schrieb und die er schließlich heiratete.

Marina Rebeka hat aber nicht bloß eine Abfolge bekannter Arien zusammengestellt, sondern sich eingehend mit dem Thema und mit den Partituren befasst. Ein Faksimile der autographen Handschrift der Petite Messe solennelle war es, womit Antonio Pappano ihr Interesse für die Originale weckte, als sie 2013 unter seiner Leitung in Rom die Orchesterfassung jener großen „Kleinen Messe“ sang (auf CD bei Warner Classics). Für ihr neues Album bei BR Klassik hat sie sich nun der Mühe unterzogen, die Originale einzusehen und eigene Fassungen zu erarbeiten, die sich von denen der vorhandenen Ausgaben (auch den Editionen innerhalb der Gesamtausgabe) unterscheiden. Außerdem war sie aufgrund ihrer praktischen Erfahrungen mit Rossinis Bühnenwerken und der Zusammenarbeit mit bedeutenden Fachleuten wie etwa dem unlängst verstorbenen Alberto Zedda in der Lage, eigene Koloraturen zu erarbeiten, die musikalisch und technisch zu ihrer Stimme passen und außerdem dem szenischen Ereignis und der Emotion der jeweiligen Opernrolle, in welche sie schlüpft, am besten entsprechen.

Die Karriere von Marina Rebeka ist eng mit den tragischen Bühnenwerken Rossinis verknüpft: Wesentlich war die Partie der Anna Erisso aus Maometto II, in welcher sie 2008 beim Rossini Opera Festival in Pesaro auftrat und auf sich aufmerksam machte. International bekannt wurde sie im darauffolgenden Jahr, als sie unter Leitung von Riccardo Muti bei den Salzburger Festspielen als Anaï in Moïse et Pharaon debütierte. 2013 sang sie die Mathilde aus Guillaume Tell an der Netherlands Opera in Amsterdam, 2014 an der Bayerischen Staatsoper und 2016 an der New Yorker Metropolitan Opera… Sehr viel früher war sie zu Rossini gekommen: die 1980 in Riga geborene Sängerin studierte ab 2002 in Parma Gesang, wo sie in Kindervorstellungen des Barbiere die Rosina sang und dann eine kleine Rolle in Il viaggo a Reims, mit der sie auch erstmals an der Mailänder Scala auftrat.

Freilich ist ihr Bühnenrepertoire sehr viel breiter angelegt; es beinhaltet auch die Violetta in Verdis La traviata, Fiordiligi in Mozarts Così fan tutte und Donna Anna in Don Giovanni, die Titelpartie von Bellinis Norma oder diejenige von Massenets Thaïs, mit der sie gleichfalls 2008 bei den Salzburger Festspielen – an der Seite Pácido Domingos – einsprang (diese Produktion war außerdem ihre erste Zusammenarbeit mit dem Münchner Rundfunkorchester).

Ihr Album „Amor fatale“ hat die Sopranistin zusammen mit dem Münchner Rundfunkorchesterunter Leitung von Marco Armiliato im Dezember 2016 und im Mai 2017 aufgenommen. Marina Rebeka ist aktuell die erste Künstlerin, die sich das Münchner Rundfunkorchester und sein neuer Chefdirigent Ivan Repušić als „Artist in Residence“ erwählt haben; der erste gemeinsame Auftritt war eine auch im Radio übertragene konzertante Aufführung von Verdis Luisa Miller am 24. September im Münchener Prinzregententheater, in der sie die Titelpartie gestaltet. Das Album „Amor fatale“ wird am 29. September veröffentlicht. Die lettische Sopranistin Marina Rebeka beweist, dass es bei Rossini auch 150 Jahre nach seinem Tod immer wieder Neues zu entdecken und zu hören gibt (Marina Rebeka: Amor fatale, Münchner Rundfunkorchester, Dirigent Marco Armiliato, BR Klassik 900321).

– Moritz Held, Opera Lounge