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Interview

Salzburger Nachrichten: „Ich mussin der Rolle einen Teil von mir finden“

Du musst eine Mutter sein, ein Liebhaber, eifersüchtig, ein guter Freund, eine Frau mit sehr großem Herzen: Verschiedene Aspekte davon kann ich in mir finden. Es muss nicht heißen, dass ich so bin. Aber es hilft mir, mich besserin die Figur einzufühlen.

„Ich mussin der Rolle einen Teil von mir finden “

 

„Simon Boccanegra“ der Salzburger Festspiele ist seit Sonntag fertig geprobt. Darin hat Marina Rebeka die einzige Frauenrolle.“

 

12. August 2019
FLORIAN OBERHUMMER

 

SALZBURG. Welch ein Opernstoff! Knapp zehn Minuten benötigt Marina Rebeka, um die Handlung des „Simon Boccanegra“ zu erläutern. „Es ist eine sehr komplexe Story“, sagt sie, „eine Liebesgeschichte inmitten eines politischen Spiels.“ Marina Rebeka verkörpert bei den Salzburger Festspielen Amelia, die einzige Frauenfigur in Giuseppe Verdis Oper. Sie verliebt sich in den Grafen Gabriele – und gerät mitten in den Zwist zwischen ihrem Vater Simon Boccanegra und ihrem GroßvaterJacopo Fiesco.  

Spricht Marina Rebeka über die Musik, dann gerät sie ins Schwärmen: „Hören Sie sich nur das erste Finale an! Diese große Revolution, alles fließt zusammen. Es ist solch eine starke, erstaunliche Musik.“ Die lettische Sopranistin mag nicht nur die Musik dieser Oper, die am Donnerstag Premiere hat, sondern auch Amelia. Sie sei eine „starke Frau“, die in ihrer Stimme ausdrücken könne, was sie fühle.  

Das Einfühlen in die Figuren sei wichtig für ihre Art der Bühnenkunst, erzählt sie. „Ich muss immer einen Teil von mir selbstin der Rolle finden.“ Ein gutes Beispiel sei Norma, die sie in der kommenden Saison in Toulouse und Hamburg verkörpern wird. „Du musst eine Mutter sein, ein Liebhaber, eifersüchtig, ein guter Freund, eine Frau mit sehr großem Herzen: Verschiedene Aspekte davon kann ich in mir finden. Es muss nicht heißen, dass ich so bin.Aber es hilft mir, mich besserin die Figur einzufühlen.“  

Marina Rebeka ist im Sternzeichen der Jungfrau geboren. Jungfrauen wird nachgesagt, analytisch, exakt und ordnungsliebend zu sein. Marina Rebeka offenbart sich im Gespräch nicht nur als profunde Kennerin von Rollen, Stimmfarben oder derOperngeschichte. Sie überlässt auch in ihrer Karriere kaum etwas dem Zufall. In jüngster Zeit habe sie einige Rollen abgesagt, erzählt sie, etwa Lucia di Lammermoor in Zürich und Amsterdam. „Wenn ich weiterhin Lucia gesungen hätte, würde ich mir nicht erlauben, die Mittellage und die tiefere Lage weiterzuentwickeln.“ Danach habe sie Donna Anna in Wien und Chicago abgesagt, weil sie gleichzeitig Mimi und Norma gesungen habe. „Es ist nicht darum gegangen, ob ich die Donna Anna singen kann. Ich habe eine Vorstellung von Klang für ein spezifisches Repertoire. Und Mozart muss den perfekten Klang haben, immer exakt auf dem Ton.“  

Ähnlich durchdacht geht Marina Rebeka auch an die Dokumente heran, die später an ihre Kunst erinnern werden: Im Vorjahr hat sie ein eigenes Label namens „Prima Classic“ gegründet. Das erste Album, das sie darauf veröffentlicht hat, präsentiert die Sängerin in einer ihrer Spezialdisziplinen, dem dramatischen Belcanto. Rebeka singt auf „Spirito“ große Arien von Bellini und Donizetti, etwa „Casta diva“ aus der „Norma“. Nichts sei so delikat und schwierig wie Belcanto, „wo du völlig allein – a cappella – Rezitative singst. Ändert man die Tonart nicht exakt und das Orchester stimmt ein, merkt jeder, dass es völlig falsch ist. Man ist völlig blank.“  

Marina Rebekas breites Repertoire, das von Mozart bis Puccini reicht, folgt einer klugen Karriereplanung. Lange Zeit habe sie außer „Traviata“ keine Verdi-Rolle angerührt, weil sie sich noch nicht bereit gefühlt habe. Nun singe sie Leonora im „Trovatore“ und die Amelia in „Simon Boccanegra“, weitere VerdiRollen seien bereits geplant. „Ich habe mich zu Verdi hinbewegt und genieße es sehr“, sagt sie.  

Auch den Sommer, den sie mit ihrer Familie in Salzburg verbringe, genieße sie: „Es fühlt sich wie eine Heimkehr an.“ Das Festspieldebüt liegt bereits zehn Jahre zurück, als sie in Rossinis „Moïse et Pharaon“ bleibende Eindrücke hinterließ. Dem folgte 2016 eine konzertante „Thaïs“ an der Seite von PlácidoDomingo. In der Neuinszenierung des „Simon Boccanegra“ singe sie an der Seite von Luca Salsi oder Charles Castronovo. Mit Charles Castronovo habe sie auch eine „Traviata“ eingesungen, die auf ihrem Label in Kürze veröffentlicht werde.  

Und wenn der Festspieltrubel einmal zu viel wird? Da habe sie ein einfaches Mittel, erzählt Marina Rebeka: schallgeschützte Kopfhörer.  

Oper: „Simon Boccanegra“ von Giuseppe Verdi. Salzburger Festspiele, Premiere am 15. August.

 

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