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Review

WELTWOCHE – REVIEW – RECITAL – OPERNHAUS ZÜRICH

Immerhin sang die Lettin an der Scala im September die Titelrolle in «La Traviata», was für eine Sopranistin einem Selbstmordversuch gleichkommt: Sie überlebte ihn unter Jubel.

“Sie überlebte unter Jubel”

 
Christian Berzins

 

Marina Rebeka: Amor fatale, BR-Klassik, 2017;
Spirito, Prima Classic, 2018; La Traviata, Prima
Classic, 2019; Elle, Prima Classic, 2020.

Am 7. Dezember 2020 hätte Marina Rebeka (geb. 1980) die höchsten Weihen für eine Sopranistin empfangen können: die legendäre und berüchtigte Saisoneröffnung der Mailänder Scala, an der in den letzten fünf Jahren dreimal Anna Netrebko gesungen hatte. Doch dann wechselte der Intendant, schliesslich kam Covid-19. Immerhin sang die Lettin an der Scala im September die Titelrolle in «La Traviata», was für eine Sopranistin einem Selbstmordversuch gleichkommt: Sie überlebte ihn unter Jubel.

Und kaum waren diese Vorstellungen vorbei, trat Rebeka am 5. Oktober für einen Liederabend im fast leeren Opernhaus Zürich auf.

Typisch: Was der Zürcher Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Rebeka sang Verdi, Rachmaninow und Tschaikowsky, schmetterte zum Schluss die Arie «Ebben? Ne andrò lontana» aus «La Wally» und erntete stehende Ovationen. Zwei Zugaben, eine von Verdi und eine von Puccini, waren vorausgegangen: In der einen zeigte sie, wie lilienfüssig sie Koloraturen nimmt, in der anderen, welch dramatisches Potenzial ihre Stimme hat. Alles Opern übrigens, die Maria Callas einst sang. Aber das nur nebenbei. Der Anfang der Karriere war nicht leicht, Bühnenerfahrung sammelte Rebeka auch mal in einer Kinderversion des «Barbiere di Siviglia» in Parma. «Aber welche Agenten oder welche Theaterintendanten schauen sich schon Kinderopern an? Wie also konnte ich in den Betrieb reinkommen?», fragte sie später nachdenklich. Irgendwann ging der Knoten auf: Die Scala rief an, später Salzburg. Und doch blieb sie ein Geheimtipp.

Weltwoche Nr. 43.20, P. 53

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